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23.06.2010

Beruflich erfolgreiche Migrantinnen: Netzwerke, Leistungsbereitschaft und das Prinzip Zufall - Neue Veröffentlichung im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF)

Sie gelten – zu Recht – als Vorbilder: Migrantinnen, die "es geschafft haben". Welche Bedingungen aber sind maßgeblich für einen beruflichen Erfolg? Ableiten lässt sich das aus ihren (Erwerbs)biografien, die bei aller Unterschiedlichkeit Gemeinsamkeiten aufweisen, und zwar weit gehend unabhängig davon, ob es sich um Aussiedlerinnen, Arbeitsmigrantinnen und Frauen mit Fluchthintergrund handelt.

Die erste Generation: An vorhandene Kompetenzen anknüpfen

Die erste Generation nutzt als wesentliche Strategie des beruflichen Einstiegs und Neustarts in Deutschland soziale Netzwerke in Form von (deutschen oder internationalen) Frauenorganisationen und Migranten- und Flüchtlingsorganisationen. Viele sind in diesen Netzwerken ehrenamtlich aktiv. Diese aktiv gesuchte Vernetzung schafft den Frauen die Möglichkeit, ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern, an dem sozialen Kapital anderer Frauen partizipieren und eigenes soziales Kapital aufbauen zu können. Insgesamt versuchen die Frauen, die mit Qualifikationen und beruflichen Kompetenzen nach Deutschland gekommen sind, möglichst hieran anzuknüpfen. Sie bemühen sich aktiv um Qualifizierungswege, die ihnen dieses ermöglichen. Die Arbeitsverwaltung spielt für viele notwendige Nach- und Weiterqualifizierungen aufgrund fehlender formeller oder Teilanerkennung eine entscheidende Rolle, weil sie auf Angebote hinweisen und diese finanzieren kann. Wo dies aufgrund zuwanderungsrechtlicher Regelungen oder divergierender Einschätzungen durch die Arbeitsverwaltung nicht möglich ist, begeben sich die Frauen auf die Suche nach alternativen Lösungen. Sie finanzieren dann selbst Sprachkurse oder Weiterbildungen beziehungsweise suchen hierfür Unterstützung in den sozialen Netzwerken oder gehen den rechtlichen Klageweg. Kurzum: Sie ergreifen die Initiative und sind aktiv.

Die zweite Generation: Hohe Leistungsbereitschaft, Bewältigung von Umwegen

Der berufliche Erfolg der zweiten Generation beruht auf linearen Bildungsverläufen, wie sie auch für viele erfolgreiche Inländerinnen typisch sind, oder gelingt auf Umwegen und nach Überwindung einiger Hindernisse, etwa wenn ihr Leistungspotenzial weder von den Eltern noch von der Schule erkannt wurde und sie in ihren Bildungsbemühungen nicht hinreichend unterstützt worden sind. Der Bildungsnähe bzw. Bildungsferne der Herkunftsfamilie kommt in beiden Generationen eine Schlüsselrolle zu. Eine hohe Bildungsorientierung und -motivation der Eltern bzw. der Familie führt eher zu linearen Bildungsverläufen: Ein höherer Abschluss wird entweder als selbstverständlich erachtet oder angetrieben durch familiäre Aufstiegserwartungen. Bildungsferne Eltern, die für ihre Kinder Aufstiegserwartungen haben, brauchen auf diesem Wege Unterstützung und werden von der Wichtigkeit des höheren oder längeren Bildungsweges ihrer Töchter erst schrittweise überzeugt.

Bei der Überwindung schulischer und zum Teil familiärer Hindernisse kommt Lehrkräften eine Schlüsselrolle zu. Durch ihr Engagement können erfolgreiche Bildungswege angebahnt und zunächst weniger erfolgreiche revidiert und umgelenkt werden. Hierzu bedarf es jedoch eines zusätzlichen Engagements über den Unterricht hinaus. Allerdings hängt es weitgehend von Glück oder Zufall ab, ob eine solch engagierte Lehrperson angetroffen wird. Dieses trifft ebenso für den Einfluss von Arbeitgebern bzw. Ausbildern im Betrieb zu.

Gleichzeitig resultiert der berufliche Erfolg von Migrantinnen zumeist aus einer hohen individuellen Leistungsbereitschaft und enormen Anstrengungen zur Bewältigung auch langer Umwege. Motiviert sind sie durch den Wunsch nach (finanzieller) Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit im Beruf.

Gewünscht: Beratung mit langfristiger Perspektive

Als Fazit lässt sich festhalten: Der Bildungs- und Berufserfolg von Migrantinnen ist maßgeblich von ihrem individuellen Engagement bestimmt – und von Zufälligkeiten. Maßnahmen, die eine laufbahnbezogene Bildungs- und Aufstiegsberatung enthalten, fehlen im schulischen System, ebenso wie im System der Arbeitsverwaltung und im Berufs(-bildungs-)system. Wie die Berufsbiografien der Frauen zeigen, ist es aber äußerst Erfolg versprechend, an ihren Wünschen, Interessen und Kompetenzen auch in langfristiger Perspektive anzusetzen.

Manuela Westphal hat zusammen mit Birgit Behrensen im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für den Nationalen Integrationsplan (NIP) die Studie "Beruflich erfolgreiche Migrantinnen. Rekonstruktion ihrer Wege und Handlungsstrategien" verfasst.

Quelle: Forum Migration Juni 2010